Sind Polen schlechte Autofahrer?

Quatsch! Wieso denn? In Polen wird nur ein bisschen energiescher gefahren.

„In Polen fährt ihr schnell“ oder sogar „Polen sind aber aggressive Autofahrer“ – bekomm ich öfters von bekannten Deutschen zu hören und wundere mich trotzdem immer wieder. Hallo, ihr Lieben! Seid ihr nicht das Land mit dem NO SPEED LIMIT auf den Autobahnen? Beneidet nicht Euch die ganze Welt für eure tollen Straßen, die Ihr ohne Geschwindigkeitsbegrenzung auskosten könnt? Interessant, interessant…

Aber im Ernst. Ich kann Eure Verwunderung verstehen und nachvollziehen. Es geht nicht um die Geschwindigkeit auf den polnischen Autobahnen (maximal 140 km/h), sondern um das Autofahren an sich. In Polen hat man einen anderen Fahrstil, was man auf den Autobahnen eher nicht zu sehen bekommt. Auch nicht verwunderlich, in Polen haben wir auch sehr wenig von Ihnen. 4 – genau gesagt (WOW, nicht wahr?). Den „besonderen“ polnischen Fahrstill bekommt man eher in den Städten und anderen Straßen zu spüren.

Und was macht den polnischen Fahrstill genau aus?

Wenigstens immer 10 km pro Stunde schneller, als das Verkehrsschild vorschreibt, schön nah am vorfahrenden Auto fahren, drängen und überholen, wenn sich auch nur die kleinste Lücke ergibt – das sind wohl die häufigsten Sünden der polnischen Autofahrer. Aber nicht alle fahren so – muss ich hier dringend bemerken!

Den polnischen Fahrstill würde ich aber nicht als aggressiv beschreiben – energisch ist eher das passende Wort. Ihr müsst es aber auch ein wenig verstehen. Als Autofahrer hat man es in Polen nicht leicht: fast keine Autobanen, dafür meist einspurige Schnellstraßen, die ihr als Landstraßen bezeichnen würdet, auf denen man nur begrenzt Lkws oder langsam fahrende Autos überholen kann und überführte Staatsstraßen, ohne Möglichkeit sie zu umreisen. Wenn man Pech hat, kann man auf einer kurvenreichen Straße 50 km lang hinter einem Lastwagen mit 60 km/h fahren und sich schwarz ärgern, dass man ans Ziel mit einer satten Verspätung ankommt. Ich kenne nur wenige, die so eine Situation mit einem Lächeln auf dem Gesicht meistern. Oder wie würdet Ihr reagieren?

In Polen gibt Raser, keine Frage! Sie gehören aber der Minderheit an, auch wenn man sich doch eher an sie längere Zeit erinnert. Die meisten Polen sind gute Autofahrer, wirklich!

Jedes Land hat seine eigenen Sitten, den Fahrstill betrifft es eben auch. Schaut mal nach Westen, Frankreich ist unser Ziel. Ich kann mich noch an mein Staunen in Paris erinnern. Auto an Auto geparkt. Front an Front. Fast kein Platz dazwischen. „Wie ist das möglich?“ – habe ich mir paar Tage den Kopf zerbrochen. Dann kam die Erlösung. Ich konnte es im ersten Augenblick fast nicht glauben. Wie kommt man aus so einem Parkplatz raus? Man verschiebt die anderen Autos und zwar mit seinem eigenen Auto! Mal das Auto vorne anstoßen, dann das Auto hinten. Ein bisschen Zeit und man ist raus! Kein Wunder, dass dort fast alle Autos Beulen hatten.

In Vergleich dazu sieht Polen doch nicht so schlecht aus!

Fiat 126p alias Maluch, also vom polnischen Superflitzer

Seit 16 Jahren nicht mehr produziert, aber trotzdem populär. Der berühmte Fiat 126p wurde zum Kultobjekt.

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Fiat 126p, besser bekannt als „Maluch“, wurde zum Objekt der Begierde im kommunistischen Polen. Zum ersten Mal am 6 Juni 1973 in der Autofabrik in Bielsko-Biała aus original italienischen Teilen zusammengebaut, wurde er zum am häufigsten auf polnischen Straßen angetroffenem Auto.

Markenzeichen des berühmten 4 Personen-Auto mit 2 Türen? Tolle Farben, Hinterradantrieb, wie bei Mercedes oder Lexus und der hinten angebaute Motor. Und was war vorne? Na, was wohl. Der Kofferraum! Von Sicherheit oder Komfort konnte keine Rede sein. Gut, dass der Verkehr damals nicht so schlimm war!

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Hinter dem Eisernen Vorhang bekommen konnte ihn nicht jeder. Einfach zum Autohändler gehen, um einen Pkw zu kaufen? Nein, nein… Der „Maluch“ war Reglementiert, wie fast alles andre damals. Um das ersehnte Auto kaufen zu können, brauchte man spezielle Bezugsscheine. Was bedeutet es eigentlich? Stellt Euch mal vor Ihr geht zum ALDI, habt Geld mit dabei und wollt Zucker, Milch und Fleisch kaufen. Eigentlich bis hier ganz einfach, oder? Damals brauchte man aber auch sog. Lebensmittelkarten, also Zettel auf denen stand, ob man diese Produkte überhaupt kaufen konnte. Genauso funktionierte es in der DDR. Und nicht vergessen, die „ALDI’s“ aus diesen Zeiten waren übrigens leer. Einkaufen war ein wahres Abenteuer!

Der Preis eines Neuwagens war auch kein Schnäppchen –  69.000 PLN, also rund das 20-te des damaligen Durchschnittsgehalt. Auf Automärkten, aus freier Hand gab es ihn für fast das Doppelte! Könnt Ihr euch aber vorstellen, wie glücklich man sein musste, wenn man einen von ihnen ergattern konnte? Gefühl: unbeschreiblich – habe ich zumindest gehört.

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Praktisch war es auch, das kleine Auto. Ob Ihr es euch vorstellen könnt, oder nicht, mein Onkel benutzte es als einen Liefer- und Umzugswagen. Vollgepackt mit Anhänger zwischen Oppeln und Hamburg? Für den Fiat 126p kein Problem! Urlaub in Ungarn? Unbedingt, aber nur, wenn man mit dem Kultwagen fährt!

„Maluch“ wurde in Polen für über 25 Jahre produziert!

Insgesamt fuhren über 3 Millionen vom Fließband in Polen. Die letzte Stunde schlug für das begehrte, aber später oftmals belächelte Auto vor 16 Jahren, genau am 22. September 2000. Das letzte Exemplar aus der Limited Edition „Happy End“ in gelber Farbe steht jetzt im Fiat-Museum in Turin.

Und obwohl man sich in letzten Produktionsjahren von „Maluch“ mehr über das billige, kleine, laute und langsame Auto lustig machte, als man sich über es freute, so wurde es zum Kultsymbol, wie der VW Käfer. Lieder, Fanklubs, Museumsaustellungen – auch nach so vielen Jahren macht der „Maluch“ immer noch viele Menschen glücklich. Auf den Straßen wird er aber zu einer Seltenheit, leider.

P.S. Fiat 126p Club Polska auf Facebook hat tolle Maluch-Bilder!

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Polens jüngster Rennfahrer – Ein 4-Jähriger fährt Maluch – Text bei mdr.de

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Bilder aus dem Pressezentrum von Fiat

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